Kantstraße, 19 Juni 2020


Freitagabends hocke ich beim Ausgang der U-Bahn Wilmersdorferstraße an einer Laterne. Daneben liegt ein Haufen Elektroroller, deren Rücklichter leuchten mietbereit. Nach links gehen Leute zur U-Bahn oder kommen raus, dann springt die Rolltreppe quietschend an.

Friday night I sit at a lantern near the exit of the subway Wilmersdorferstraße. Next to me a pile of electric scooters, their taillights shining red, ready for rent. To the left, people go to the subway or come out, then the escalator starts, screeching.

Kantsraße, 17 Juni 2020

Der Koreanische Imbiß macht um Zehn zu. Die Frau, die zuvor in der engen Küche hinter dem Verkaufsfenster auf Gäste gewartet hat, kommt raus und räumt die Tische weg. Ich ziehe mit meinem koreanischen Bier und der Tusche auf den nahen Stromkasten um, als sie auch meinen Stehtisch rein räumt. Das Licht geht aus. Eine schlanke Passantin verwandelt sich vor meinen Augen langsam und unaufhaltsam in einen schwarzen, massigen und unförmigen Geist. Im Dunkeln habe ich nicht bemerkt, wie nass das Papier noch ist.

The Korean takeaway closes at 10:00. The woman, who had been waiting for guests in the narrow kitchen behind the sales window, comes out and clears the tables. I move with my Korean beer and my ink to the nearby power box, when she also puts away my bar table. The light goes out. A slim passer-by slowly and unstoppably transforms before my eyes into a black, massive and shapeless spirit. In the dark I did not notice how wet the paper still is.

Kantstraße, 16 Juni 2020

Bei meinem letzten Besuch bei McDonalds fiel mir der Blick vom Obergeschoß auf die Kreuzung der Kant- und Wilmersdorferstraße auf. Heute Abend bin ich nur zum Gucken hier – elegante Fensterreihen, historische Beschriftung über der seit Jahren mit provisorischer Baustelleinfahrt versehenen ‘Einkaufsstraße’. Im Schnellrestaurant Radiomusik, ab und zu geht jemand hier im OG auf Toilette oder Angestellte räumen Zeug weg, niemanden stört der Typ mit Kaffee- und Tuschebecher.

During my last visit to McDonalds, I was struck by the view from the top floor to the intersection of Kant- and Wilmersdorferstraße. Tonight I’m just here to watch – elegant rows of windows, historical lettering above the ‘shopping street’. In the fast food restaurant radio music, now and then someone goes to the toilet here on the upper floor or employees clear away stuff, nobody is bothered by the guy with the coffee and ink cup.

An den Kantgaragen (links hinter mir) wird herumgebaut. Der Strom dafür wird mit einer an Stahlrohrpfählen angeschellten Leitung ran geschafft. Die Pfähle stecken in rot-weiss-gestreiften Betonzylindern (auf denen es sich gut sitzt) Ein gelb markierter ‘Pop-Up-Radweg’ macht die Kantstraße neuerdings auch für Radfahrer ohne Lebensgefahr befahrbar.

The ‘Kantgarage’ (behind me on the left) are under construction. The electricity for this is supplied by a line connected to tubular steel piles. The piles are stuck in red-and-white striped concrete cylinders (on which it sits well). Lately, a yellow marked ‘pop-up cycle path’ makes the Kantstraße passable for cyclists without danger to life.

Potsdamer


In der Potsdamer Straße am nördlichen Ende des Pallasseum schrauben zwei Typen an einem auf dem Bürgersteig aufgebockten Piaggio-Dreirad herum. Zwei Andere quatschen bei den Pollern vor der Einfahrt. Ein Grauhaariger mit Zigarette und schwarzem Anzug kommt dazu. Sie gehen und der Platz wird von einem zweitürigen Mercedes, der auf dem breiten Bürgersteig parkt, eingenommen. Dessen Fahrer sieht mich und fragt, ob der Wagen störe, aber ich bin eh fertig.

In Potsdamer Straße at the northern end of the Pallasseum, two guys are tinkering with a Piaggio tricycle jacked up on the pavement. Two others are chatting at the bollards in front of the gate to the pallasseums garden. A grey-haired guy with a cigarette and a black suit joins them. They leave and the place is taken by a two-door Mercedes parked on the wide sidewalk. Its driver sees me and asks if the car blocks my view, it does, but I’m done anyway.

 

24. Mai 2020 – Leave No One Behind

Heute um 13:30 vor dem Roten Rathaus, demonstrieren in der Pandemie. Zwei Bereiche sind durch einen Korridor getrennt. Es dürfen nur 50 Leute an der Kundgebung teilnehmen und die Polizei zählt öfter nach.

Die Seebrücke hat aufgerufen, für eine Wiederaufnahme der Seenotrettung im Mittelmeer, der Evakuierung der Lager auf den griechischen Inseln und die dezentrale Unterbringungen der Geflüchteten zu demonstrieren.

Ich tausche meinen Standardmundschutz gegen ein ausgeteilten orangenen mit Seebrücke-Aufschrift.

Today at 13:30 in front of the City Hall, demonstrating in the pandemic. Two areas are separated by a corridor. Only 50 people are allowed to participate in the rally and the police is counting several times.

‘Seebrücke’ has called to demonstrate for a resumption of rescue operations in the Mediterranean Sea, the evacuation of camps on the Greek islands and the decentralised accommodation of refugees.

I exchange my standard mouthguard for a dispensed orange one with Seebrücke inscription.

Schließlich darf die Kundgebung – eine von, wg. der hohen Gesamtteilnehmerzahl vier an unterschiedlichen Orten angemeldeten – beginnen.

Finally, the rally – one of, because of the high total number of participants four registered at different locations – may begin.

Teilnehmer stehen mit großem Abstand, alle tragen Masken, offensichtlich ist das Infektionsrisiko deutlich geringer, als ich es in den letzten Tagen auf Märkten, vor Kneipen oder auch während der gesamten kontaktreduzierten Zeit in Supermärkten erlebt habe. Die Polizei pocht trotzdem – einigermaßen höflich, aber bestimmt – auf genaue Einhaltung der maximalen Teilnehmerzahl, der Redner der interventionistischen Linken sagt pflichtgemäß an, dass es nach Polizeiangaben jetzt 83 Teilnehmer sein, macht aber zunächst keine konstruktiven Vorschläge, das zu beheben oder zu prüfen. Etwas später werden Ziffern von 1 bis 50 in entsprechendem Abstand mit Kreide auf den Boden gezeichnet, die Teilnehmer stellen sich drauf und es scheint doch zu passen – ob, weil die Polizeizählung falsch war, oder weil wegen des einsetzenden ungemütlichen Regens einige gegangen sind, kann ich nicht einschätzen.

Participants stand at a great distance, everyone wears masks, obviously the risk of infection is much lower than I have experienced in the last few days at markets, in front of pubs or even during the whole contact-reduced time in supermarkets. The police nevertheless insists – reasonably polite, but firm – on the exact observance of the maximum number of participants, the speaker from the interventionist left dutifully announces that according to police reports there are now 83 participants, but does not initially make any constructive suggestions to remedy or check this. A little later, numbers from 1 to 50 are drawn on the floor with chalk at appropriate intervals, the participants stand on them and it seems to fit – whether it is because the police count was wrong or because some left because of the uncomfortable rain that started, I cannot tell.

Die Rednerin des Berliner Flüchtlingsrat fordert konkret, besonders von der SPD als Mitregierungspatei, deren Innensenator Andreas Geisel blockiere, die an sich von der Regierungskoalition beschlossene Aufnahme von Geflüchteten aus Moria in Berlin endlich anzugehen, indem Anträge gestellt und ggf. dafür – erfolgversprechend, wie sie es einschätzt – zu klagen.

Seenotretter berichten von Schikanen der Mittelmeeranreinerstaten, die z.Zt, eine private Seenotrettung unterbindet und von tödlichen Vorfällen. Weitere Redner, teils Geflüchtete, berichten auf französisch, es gibt auch Musik aber der Regen wird immer stärker und ich gehe frierend eine halbe Stunde vor offiziellem Ende.

The speaker of the Berlin Refugee Councill demands concretely, especially from the SPD as co-government party, whose senator of the interior Andreas Geisel blocks, to finally tackle the admission of refugees from Moria in Berlin, which was decided upon by the government coalition, by filing applications and if necessary to sue for it – promisingly, as she estimates it.

Sea rescuers report about chicanery of the Mediterranean states, which at present prevents private sea rescue, and about fatal incidents. Other speakers, some of them refugees, report in French, there is also music but the rain is getting heavier and heavier and I leave freezing half an hour before the official end.

Mariannenstraße

Ich bin gucken gefahren. Kreuzberg ist noch da.

I had a look. Kreuzberg is still there.

In der Mariannenstraße kann man drinnen in einem Café einzeln Kaffee kaufen. An den Bänken kleben Schilder, auf denen steht, wo man sich setzen darf und wo nicht.

In Mariannenstraße you can buy coffee separately inside a café. There are signs on the benches telling you where to sit and where not.

Die Drei sitzen auf den ‘Hier darfst Du sitzen’ und anderen Schildern. Sie erzählen einander von den vergangenen Wochen. Neue Tattoos werden gezeigt, sie haben sich lange nicht gesehen.

These trree sit on the ‘you can sit here’ and other signs. They tell each other about the past weeks. Fresh tattoos are displayed, they have not seen each other for quite a while.

Havelland

Kurz vor der nördlichen Einfahrt zur Schleuse Spandau liegt rechts das Grundstück einer ‘Garnfischerei’ an der Havel. Metallene Boote verschiedener Größe liegen angetäut, das größte, die ‘Havelland’, ist sehr lang und schmal und flach, bis auf den hochgezogenen spitzen Bug.

Zu Hause suche ich online nach dem Fischereibetrieb und finde einen Zeitungsartikel von 2014: Der Fischer beschwert sich über ‘Schikanen’ bzgl. seiner Schiffe – er habe sein 22m langes Boot extra kostspielig um 2m gekürzt, um den Regularien zu entsprechen. Mittlereweile dürfe er aber nur noch max 15m lange Boote steuern.

Shortly before the northern entrance to the Spandau lock, the site of a ‘yarn fishery’ on the Havel is on the right. Metal boats of various sizes are moored, the largest, the ‘Havelland’, is very long and narrow and flat, except for the raised pointed bow.

At home I search online for the fishing company and find a newspaper article from 2014: The fisherman complains about chicanery regarding his boats – he has shortened his 22m long boat by 2m at extra cost to comply with the regulations. In the meantime he is only allowed to steer boats of max 15m length.

 

 

Havelufer, 3 Mai 20

Am südlichen Ufer der Einmündung des Stößensee in die Havel. Am Ufer Schilf, ein DLRG-Motorboot kurvt rum und macht Wellen. Vom Auslaufgebiet auf Pichelswerder, dem Ufer gegenüber, schallt Hundegebell.

On the southern shore of the confluence of the Stößensee and the Havel. On the shore reeds, a DLRG motorboat turns around and makes waves. From the run-out area on Pichelswerder, opposite the shore, dogs bark.

Angetriebenes – Holz, Flaschen, Schilf, Aas. Blutrotes Auge und Maul, weisser Bauch, kein Geruch. Ein abgerissener Anglerknoten, zwei Ösen ohne Haken und Öffnungen im verchromten Plastikrumpf.

Flotsam – wood, bottles, reeds, carrion. Blood red eyes and mouth, white belly, no smell. A torn fishing knot, two eyelets without hooks and openings in the chrome-plated plastic hull.

Ruhleben

Zwischen dem Müllheizkraftwerk Ruhlenben und dem Heizkraftwerk Reuter ist ein Fahrweg am südlichen Ufer der Spree. Angler sitzen an Klapptischen direkt neben ihren Autos. Ein Schubschiff an der eisernen Kai.

There is a driveway on the southern bank of the Spree between the Ruhlenben waste-to-energy plant and the Reuter combined heat and power plant. Anglers sit at folding tables right next to their cars. A push boat at the iron quay.

Achtung Bekohlungsanlage

_ steht auf dem Schild am Gittertor am Ufer des Berlin-Spandauer-Schiffahtskanal. ‘Bekohlt’ wird wohl das Heizkraftwerk Moabit, auf der anderen Seite der Uferstrasse. Ein aufgeständertes Transportband führt vom Kran über die Straße zum Kraftwerk. Heute ist kein Schiff mit Kohle zu sehen, statt dessen rudert jemand ein kleines Planschschlauchboot über den (soweit ich weiß hier eigentlich für die Sportschifffahrt gesperrten) Kanal.

‘Attention Coaling Plant’ is marked on the sign at the gate on the bank of the Berlin-Spandauer-Schiffahtskanal. The Moabit combined heat and power plant on the other side of the canalside road is probably being ‘coalled’. An elevated conveyor belt leads from the crane across the street into the power plant. Today, there is no ship with coal to be seen, instead someone is rowing a small inflatable raft across the canal (as far as I know, it’s actually closed for pleasure boating).